Neu ist, was alt ist – der Retro-Trend

26/1/2017
Lebensart

In was für 1 Zeit leben wir eigentlich? Beim Blick auf die aktuellen Trends in Mode und Lifestyle ist man sich nicht mehr sicher, ob wir das Jahr 2017 oder 1987 schreiben. Überall wimmelt es nur so von Dingen, die früher schon einmal da waren. Der Retro-Trend scheint alle fest im Griff zu haben. Warum fasziniert „Retro“ so? Eine Spurensuche.

Der Retro-Trend im Szene-Kiez

Auf der Suche nach Trends in Deutschland muss man zwangsläufig in Berlin starten. Genauer gesagt in Berlin-Neukölln. Hier befindet sich der Urschleim aus allem, was früher oder später die Republik fluten wird. Da das Neuköllner Trend-Tierchen eher nachtaktiv ist, lohnt sich ein Blick in seinen natürlichen Lebensraum: die Bars des Kiezes. Hier stellst Du überrascht fest, dass Du ebenso gut bei Deiner Großtante in der guten Stube stehen könntest. Geblümte Sofas neben Ohrensesseln und ovalen Holztischchen. Du sitzt in von fransenbehangenen Lampen erhellten Räumen, die dekoriert sind mit Gemälden, die an die anheimelnde Wald-und-Wiesen-Lust vergangener Generationen erinnern. Du bist im Epizentrum des Retro-Trends angekommen!

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Mustertapete und Omacouch: Der Retro-Trend ist in den bundesdeutschen Wohnzimmern angekommen

Mode wie in Mamas Jugend

Auch die Mode orientiert sich seit Jahren an den Generationen von gestern, die heute nicht mehr gestrig sind. Jedes Jahr kommen neue Trends auf, die in ähnlicher Form schon einmal angesagt waren. Eine neue anthropologische Konstante: Alles, was eine Zeit lang komplett aus dem Blickfeld der Mode verschwunden war, wird irgendwann wieder ausgebuddelt. Für das Jahr 2017 wird prognostiziert, dass die 80er wieder neu aufgelegt werden. Was für eine Neuigkeit: Das wissen und sehen wir doch schon lange. Schulterpolster, Ringelshirts und Neonfarben stehen zum x-ten Mal in den Startlöchern, um das Land im Sturm zu erobern. Beim Blick in die Fotoalben Deiner Eltern wirst Du überrascht sein, wie hip Dein Vater und Deine Mutter mit ihren damaligen Outfits heute sein würden. Aber auch die Devotionalien aus der Kindheit und Jugend anderer Generationen sind inzwischen absoluter Retro-Trend. Dein T-Shirt von dieser Boyband aus den 90ern, das Du damals eher heimlich unter dem Pulli getragen hast, weil Deine Freundinnen die Jungs aus einer anderen Kombo süßer fanden? Heute ein Must-have für den aktuellen Street-Style. Die Sonnenbrille aus den 70ern, die bei Dir seit Jahren in der Kommode Staub ansetzt? Erzielt Höchstpreise auf dem Flohmarkt für Vintage-Mode. Das Petticoat-Kleid, das Deine Oma in ihrer Jugend zum Tanzen getragen hat? Hingucker und Neid-Objekt auf jeder Party. Getragen wird ein bunter Mix aus den vergangenen Jahrzehnten. Das Wichtigste ist: Das Outfit versprüht Retro-Style.

Stilecht im Retro-Style

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Boombox, Neon, Crop-Top, High-Waist-Jeans: Fertig ist der Retro-Style

Heutzutage musst Du nicht wie Marty McFly in eine mit Plutonium betriebene Zeitmaschine steigen, um eine Stippvisite in einer anderen Zeit einzulegen. Der Retro-Trend, der überall um sich greift, macht es Dir leicht, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu hüpfen – decade hopping sozusagen. In ein Restaurant einkehren, das Spezialitäten aus den 70er-Jahren serviert und danach auf einer Mottoparty zu den größten Hits der 80er tanzen? Kein Problem, bei Deiner Reise durch die Zeit kannst Du entspannt auf der allgemeinen Retrowelle surfen und Dir die Rosinen der jeweiligen Zeit herauspicken. Apropos (neue) Retrowelle: Es gibt sogar ein Label, das neue elektronische Acts herausbringt, die sich ganz den Klängen und der Neon-Ästhetik der 80s-Synthie-Musik verschrieben haben – das Label trägt passenderweise den Namen NewRetroWave.

„Wo ist meine heile Welt geblieben?“

Aber warum liegt heutzutage alles, was Retro ist, so im Trend? Die einfache Erklärung: Retro heißt Kindheit, Sicherheit und Wärme. In der heutigen Zeit entwickelt sich alles in einem noch nie dagewesenen Tempo. Ständig gibt es neue Technologien, an die man sich gewöhnen muss. Die Trends wechseln gefühlt täglich. Das ständige Schritthalten wird häufig zur Belastung und so sehnt man sich zurück in die Zeit, in der sich das Fernsehprogramm auf wenige Sender begrenzte, man nicht immer und überall erreichbar war und sich in der wohligen Wärme des Elternhauses geborgen fühlte. Die chinesische Wissenschaftlerin Xinyue Zhou fand zusammen mit Kollegen in einer Studie sogar heraus: Nostalgie kann das Empfinden von Temperaturen beeinflussen. Je widriger die Bedingungen waren – in diesem Falle wurden die Temperaturen im Labor gesenkt –, desto eher hingen die Probanden nostalgischen Erinnerungen nach. Dadurch schätzten sie Raumtemperatur um vier Grad höher ein. Heißt also, der Mensch sucht sich in unsicheren Zeiten etwas, das ihm bekannt ist und das ihm warm ums Herz werden lässt.

Nostalgie – zurück nach „Früher“

Der Retro-Trend und die Liebe zur Nostalgie sind allerdings keine Erfindungen der Neuzeit. Schon immer sehnen sich die Menschen nach dem, was in ihren Erinnerungen viel schöner als das „Jetzt“ ist. Das Wort Nostalgie setzt sich aus den griechischen Wörtern nostos (Rückkehr) und algos (Schmerz) zusammen und wird häufig im Zusammenhang mit Odysseus genutzt, der getrieben von der Sehnsucht nach seiner Heimat sogar die Unsterblichkeit ausschlug, die ihm von der Göttin Kalypso angeboten wurde. Den Begriff „Nostalgie“ prägte erstmals der Schweizer Doktorand Johannes Hofer in seiner Dissertation im Jahr 1688. Der Mediziner diagnostizierte so das Heimweh von Schweizer Söldnern. Einige Jahrhunderte und zahlreiche Studien später wird die Nostalgie allgemein eher mit einer positiven Rückerinnerung an vergangene Zeiten assoziiert und als kraft- und trostspendende Ressource genutzt.

Für immer Kind sein – mit Retro-Design

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Memorabilia aus der Kindheit: Modernes Retro-Design

Und auch Du verlierst Dich ab und an in Nostalgie. Warum auch nicht? Die Gedanken an Deine Kindheit zaubern Dir doch stets ein Lächeln auf die Lippen. Die Gewissheit, dass Deine Eltern sich schon um alles kümmern, die verspielten Nachmittage mit Deinen Freunden und die langen Sommerferien, die Du faulenzend oder Abenteuer erlebend an den Küsten von Nord- oder Ostsee verbracht hast. Wenn Du Glück hast, gibt es sogar noch VHS-Kassetten, auf denen diese Zeiten festgehalten wurden. Das beste Gegenmittel gegen trübe Gedanken. Nach einem Abend im Retro-Style mit alten Filmen, die Du Dir vorher auf DVD brennen lassen hast, und den Lieblingssnacks aus Deiner Kindheit ist Dein akuter Alltagsstress wie weggeblasen.

Geld verdienen mit Erinnerungen

Allgemein ist die Kindheit ein wichtiger Aspekt, wenn man den Retro-Trend genauer betrachtet. Viele Dinge, die Du in Deiner Kindheit liebtest, sind während des Erwachsenwerdens von anderen Sachen abgelöst worden. Jetzt im Erwachsenenalter erinnerst Du Dich wieder an die geliebten Schätze der Kindheit. Auch die Wirtschaft und die Marketingexperten nutzen das Potenzial der Nostalgie und bringen ehemalige Kult-Gegenstände zurück auf den Markt. Die neueste Konsole von Nintendo ist ein Remake des Klassikers „NES“ von 1986 und findet reißenden Absatz. Die Lebensmittelindustrie verführt die Kunden mit dem Geschmack der Kindheit. Langnese nahm zum Beispiel das Wassereis „Dolomiti“ wieder in seine Produktpalette auf und wirbt mit dem 80er-Jahre-Charme des Eises. Und auch Hollywood springt auf den Retro-Trend auf: In den letzten Jahren wurden vermehrt Remakes von 80er-Jahre-Klassikern wie „Ghostbusters“ oder „Terminator“ in der Traumfabrik produziert.

Die Generation Y

Gerade die sogenannte Generation Y, also alle Zwischen-1980-und-1999-Geborenen, scheint besonders anfällig für den Retro-Trend und den damit verbundenen Hype um Produkte von „Früher“ zu sein. Im Internet häufen sich Seiten mit Bildergalerien mit Spielzeugen der (US-amerikanischen) 90s-Kids und auch in den sozialen Medien trenden Hashtags mit Bezug zu den 90ern regelmäßig. Diese Generation ist die erste, die mit sozialen Medien aufwuchs und die Idee des „Gedanken-öffentlich-im-Netz-Teilens“ verinnerlicht hat. Also teilen sie ihre schönsten Erinnerungen munter im Netz und erschaffen so ein neues Gemeinschaftsgefühl innerhalb ihrer Generation, denn die meisten haben in ihrer Kindheit und Jugend die gleichen Erfahrungen gesammelt. Darum jetzt auch der kollektive Retro-Style. Beim Betrachten ihrer Sneaker und den eben auf dem Flohmarkt gekauften Schallplatten denken sie, während sie im Ohrensessel im Café an der Ecke sitzen und ihren Laptop auf dem kleinen Nierentisch drapiert haben: „Was war das doch früher für 1 tolles life!“

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Retro, Retro, Retro: Die Platten von gestern sind längst nicht mehr von gestern. Retro-Style in Vinyl.

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Franziska Schmidt

Aufgewachsen (und geboren) auf den Straßen Berlin-Kreuzbergs, bevor es cool war, ist Franzi inzwischen altersbedingt im beschaulichen Ü60-Bezirk Tempelhof untergekommen. Nachdem sie an der Freien Universität Berlin Hebräisch und Jiddisch gelernt hat, gab sie ihrem Leben unter anderem mit PR-Arbeit für DJ Tomekk und Sarah Wiener Sinn. Um sich von diesem Knochenjob abzulenken, gründete sie den FC Lambajuuun und ging auf Titeljagd in der Bunten Liga Berlin (drei Jahre in Folge das Double!!!). Siegverwöhnt und mit hohen Ambitionen betrat sie im Jahr 2016 das Vereinsheim der SpVgg DailyDeal und läuft seitdem unter tosendem Beifall in der Startelf der Redaktion auf.

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